Tragen tröstet unsere Babys und das ist wissenschaftlich belegt


Warum Tragen tröstet

Junge Eltern kennen das: Sobald man sein schreiendes Baby herumträgt, beruhigt es sich. Bei Stillstand oder wenn man gar versucht, es abzulegen, geht das Gebrüll wieder los. Was das Tragen so tröstlich macht, haben Forscher nun untersucht. Offenbar hat es bei Menschen, Mäusen und anderen Säugetieren die gleiche beruhigende Wirkung.

Bedürfnis nach Nähe
Die Studie in „Current Biology“:
„Infant Calming Responses during Maternal Carrying in Humans and Mice“ von Gianluca Esposito et al., erschienen am 18. April 2013.
Alle Säugetierjungen wie auch Menschenkinder brauchen zu Beginn ein hohes Maß an Fürsorge und Zuwendung, das ist wesentlich für eine gesunde körperliche und psychische Entwicklung. Um die Versorgung sicherzustellen, hat der Nachwuchs wirksame Tricks auf Lager. Instinktiv sucht er die Nähe zur Mutter und protestiert bei Trennung mitunter lautstark sowie mit heftigen Bewegungen.

Für die Bindung ist dieses sichtbare und unüberhörbare Verhalten ebenso wichtig wie die mütterliche bzw. väterliche Liebe, denn so wird die notwendige Zuwendung eingefordert. Die meisten Eltern wissen ebenso instinktiv, dass es fast immer hilft, ihr Kind hochzunehmen und herumzutragen. Es hört auf zu weinen und wird körperlich ganz ruhig.

Herzschlag beruhigt sich
Was dabei genau passiert, haben Forscher um Gianluca Esposito vom japanischen RIKEN Brain Science Institute nun experimentell untersucht. Sie führten eine Reihe von Tests mit zwölf Babys im Alter von ein bis sechs Monaten und ihren Müttern durch. Dabei wurden die beruhigenden Wirkungen von Krippe, einfachem Gehaltenwerden und Herumtragen verglichen, zwar hinsichtlich des Verhaltens des Kindes, seiner Lautäußerungen und seines Herzschlags.

Dabei zeigte sich, dass tatsächlich nichts so effektiv ist wie das Herumtragen. Schreiende und zappelnde Babys wurden nicht nur ruhig, auch die Rate ihres Herzschlags sank augenblicklich, nachdem sie aufgenommen und herumgetragen wurden. Wurde sie nur gehalten, war die Reaktion weit weniger deutlich und der Herzschlag veränderte sich kaum, offensichtlich spielt auch die Bewegung eine wesentliche Rolle. Bei nicht weinenden Babys fiel die Herzschlagrate beim Tragen laut den Forschern ebenfalls ab. In der Krippe wurde der Zustand in der Regel schlimmer.

Mäuse wollen getragen werden
Das Herumtragen ist kein exklusiv menschliches Phänomen, zahlreiche andere Säugetiere wie Löwen, Eichhörnchen, Katzen oder Mäuse tragen ihren Nachwuchs ebenfalls, mangels Armen benutzen sie dafür eine etwas andere Technik. Mit einem sanften Biss schnappen sie die Jungen im Nacken. Diese nehmen typischerweise eine bestimmte Trageposition ein, bei der sie die Hinterbeine einrollen. Wie sich das Tragen auf die Jungtiere auswirkt, ist kaum untersucht. Die Forscher vermuteten, dass die Haltungsänderung ähnlich wie beim Menschen von physischen Reaktionen begleitet wird.

Bei ihren Experimenten wurden junge Mäuse etwas abseits vom Muttertier in einen Behälter gesetzt, aus dem sie sich nicht selbst befreien konnten. Bei der „Errettung“ – d.h. beim Wegtragen – durch die Mutter beruhigten sich die Mäusejungen ebenfalls augenblicklich: Sie hörten auf, Schreie im Ultraschallbereich auszustoßen und ihre Herzschlagrate sank. Das reine Halten hatte bei den Tier- wie bei den Menschenbabys eine weniger beruhigende Wirkung.

Der Effekt setzte zudem auch dann ein, wenn ein Forscher das Jungtier an derselben Stelle im Nacken aufnahm und trug. Zusatzversuche legen nahe, dass die Berührung ebendort und die Eigenwahrnehmung im Raum für die sedierende Wirkung verantwortlich sind. Gesteuert werde die Reaktion durch Parasympathikus und über das Kleinhirn.

Babys „machen sich leicht“
Weitere Experimente lassen vermuten, dass auch die eingerollte Trageposition der Jungtiere kein Zufall ist. Die kompakte Form erleichtert dem Muttertier offensichtlich das Tragen. Diese Transportreaktion könne man auch bei Menschenbabys beobachten, die durch ihre Haltung die Last für die Mutter verringern.

Evolutionär betrachtet hatte der „Beruhigungsreflex“ für Menschen und Tiere wahrscheinlich mehrfachen Nutzen, wie die Forscher schreiben. Nicht nur stärkte er die Mutter-Kind-Bindung an sich, in Notfällen begünstigte er auch das Überleben. Mit einem ruhigen, leicht tragbaren Baby konnte die Mutter schneller fliehen.

Die Ergebnisse seien aber auch für heutige Eltern bzw. zeitgemäße „Notfälle“ interessant. Denn wenn Babys nach dem Ablegen wieder zu schreien beginnen, ist das nicht der bösartige Versuch, ihre Eltern zu kontrollieren. Es ist einfach ein natürlicher und körperlicher Reflex. Wenn sich Eltern dessen bewusst wären, wären sie auch weniger frustriert.

Eva Obermüller, science.ORF.at

 

Quelle: http://sciencev2.orf.at/stories/1716241/